Wo unsere Schneeglöckchen herkommen – Artikel in der SZ

Zwei Stunden hat sie für den Aufstieg gebraucht. Je weiter oben, desto besser die Ernte. Maka Dolidze steht am Steilhang, Arbeitshandschuhe gegen die Dornen und Brennnesseln an den Händen, einen Kunststoffsack um die Taille geschnürt. Sie bückt sich, zieht ein Bund Schneeglöckchen aus der Erde, dreht mit einem Ruck die Blätter ab und steckt die Zwiebeln in den Beutel. Seit dem Tod ihres Mannes sorgt sie allein für die zwei Töchter und die Schwiegereltern.

Spät am Nachmittag schultert sie rund 30 Kilo Knollen und beginnt den Abstieg in ihr Dorf Kvashta im Südwesten Georgiens. Unten im Dorf bestellt sie den Acker, melkt die Kühe, füttert die Hühner, verkauft selbst angebauten Tabak und geht zur Haselnussernte in die Türkei. Alles für die Zukunft der Kinder. Nach dem Winter ist es besonders hart, das Feld noch kahl, der Vorratskeller leer. Dann ist sie auf die Schneeglöckchen-Ernte angewiesen.
Für ein Kilo, rund 250 Stück, erhält sie 40 Cent, das ist etwa so viel, wie eine Knolle bei uns im Gartencenter kostet.

Jedes Frühjahr ziehen Hunderte Dorfbewohner wie Maka Dolidze zum Pflücken in die Berghänge des Kleinen Kaukasus, dort wächst die weltweit größte Schneeglöckchen-Population. Doch alle Galanthus-Arten sind gefährdet. Sie stehen weltweit unter Artenschutz und unterliegen strengen Handelsregulierungen.

Georgien verkauft jährlich 22 Millionen Schneeglöckchen – davon drei Viertel wild gepflückt – in die Niederlande, von dort landen sie in unseren Gärten. Ein Millionengeschäft mit der Natur, von dem die Pflückerinnen wenig profitieren und das die einzigartige Ökologie der Schwarzmeerregion bedroht.

Ortswechsel. Ein weißes Blütenmeer im niederländischen Dordrecht. Annie Fallingers Welt dreht sich ums Schneeglöckchen. Ihr Pulli ist damit bestickt, die Kaffeetassen gemustert, und natürlich serviert sie das Stück Kuchen auf einem Motiv-Teller. Die Rentnerin ist eine sogenannte Galanthophile, nach dem botanischen Namen der Pflanze, eine leidenschaftliche Sammlerin.

Als Forschungsreisende im 19. Jahrhundert in aller Welt neue Pflanzenarten entdeckten, brach im viktorianischen England ein regelrechtes Schneeglöckchen-Fieber aus, das inzwischen in den Niederlanden, aber auch in Deutschland angekommen ist – mit Preisexplosionen, die an den Tulpenrausch der 1630er-Jahre erinnern.

Die Manie geht recht weit, räumt Fallinger ein. Wenn sie im Urlaub ein Pflänzchen findet, das sie noch nicht besitzt, dann geht das „hopp, direkt ins Auto“. Sie weiß, dass es illegal ist, die geschützte Blume – ob tot oder lebendig, kultiviert oder wild – ohne Handelszertifikat mit nach Hause zu nehmen. Aber: „Jeder macht das ja trotzdem. Ich sag immer, steck es dir in die Unterhose und nimm es einfach mit.“

Neben etwa 20 Arten, die ursprünglich aus Südosteuropa bis Zentralasien kommen, gibt es 2500 Spezialzüchtungen. Sammlerinnen wie Fallinger treffen sich bei Galas, Auktionen und Festivals, geben oft Hunderte Euro für eine einzige Blume aus. Fallinger, die Schneeglöckchen-Königin der Niederlande, hat rund 600 Sorten in ihrem Garten stehen, neben mehreren nach ihr selbst benannten Blumen auch Raritäten wie das „Golden Fleece“. Vor einigen Jahren wurde eine einzige dieser Blumen in England für fast 1900 Euro versteigert.

Natürlich blühen auch Schneeglöckchen aus Georgien in ihrem Garten, aber die seien gewöhnlich, winkt sie ab, die könne schließlich jeder im Baumarkt kaufen.

Das Sammeln ist ein Sport, sagt Gerard Oud aus Andijk am Ijsselmeer. Egal ob Schneeglöckchen oder Oldtimer, von denen er etliche in der Garage stehen hat, „Menschen suchen immer nach dem, das sie noch nicht haben“.

Oud ist Blumenzüchter in fünfter Generation. Seine eigenen Züchtungen benennt er nach Pin-up-Girls aus den 50er-Jahren, das hat Fantasie. Er kniet sich ins Beet und öffnet einen winzigen Blütenkelch mit V-förmiger grüner Zeichnung, eine Betty Page. „Ein echter Hingucker! Geht für 50 Euro das Stück.“ Besondere Blumen, dafür hat er ein Auge. Und immer nasse Knie, fügt er lachend hinzu, das Erkennungsmerkmal der Galanthophilen.

Ganze Wälder in Georgien leerzuräumen, nur weil jeder einen Steckling für seinen Garten will, sei eigentlich nicht der Sinn der Sache, sagt er: „Aber so ist der Handel nun mal.“ Und der liege den Niederländern einfach im Blut.

Aus seinem Wald auf dem Polder verkauft er Schneeglöckchen an privat und en gros, aber nur grün und blühend, keine Zwiebeln. Die seien immer ein Risiko, besonders aus Ländern wie Georgien. Im Baumarkt könne man meist gar nicht unterscheiden, wo sie herkommen. „Da geht es bloß um Masse“, sagt Oud.

Eigentlich ja ganz hübsche Pflänzchen, die georgischen Woronowii, aber schwierig anzubauen, weil sie tiefe Schichten humusreichen Waldbodens benötigen. „Die hast du hier ein, zwei Jahre stehen und dann – puff – sind sie verschwunden“, sagt er. Darum würden so viele importiert, man brauche immer wieder neue.

Plünderung der Bergwälder

Das freut die Blumenindustrie. Schon 1960 sicherten sich niederländische Zwiebelhändler, die den Welthandel zu 90 Prozent kontrollieren, das Monopol für Schneeglöckchen. Die kamen zunächst aus der Türkei, dem wichtigsten Blumenlieferanten Hollands seit dem Goldenen Zeitalter der Tulpenspekulation.

Der Import nahm rasant zu, 1984 wurden schließlich mehr als 80 Millionen Schneeglöckchenzwiebeln aus Anatolien eingeführt. Umweltschützer schlugen Alarm, und die türkische Regierung setzte den Handel für fünf Jahre aus. Türkische Zwischenhändler zogen daraufhin über die Grenze nach Georgien, damals noch Teil der Sowjetunion, und machen seitdem von dort aus ihre Geschäfte.

Erst 2009 trat die Kaukasus-Republik dem Washingtoner Artenschutzabkommen (Cites) bei, das den globalen Handel mit geschützten Tier- und Pflanzenarten regelt. Ein Quotensystem wurde eingeführt. Die niederländische Regierung sponserte eine landesweite Zählung, die auf 300 Millionen Schneeglöckchen kam – seither dürfen in Georgien pro Jahr 15 Millionen aus der Wildnis entnommen und exportiert werden. Drei lizenzierte Händler mit spezieller Cites-Erlaubnis teilen die Menge unter sich auf.

„Eine süße kleine Blume, jeder will sie haben“, sagt John Boot, Geschäftsführer von C. S. Weijers, der größte Schneeglöckchen-Händler der Niederlande. Von den Fließbändern in Hillegom, wo sie zu Millionen nach Größe und Qualität sortiert, in Tütchen verpackt und etikettiert werden, gehen die Zwiebeln an europäische Baumärkte und Gartencenter, an Versandhäuser und Webshops, viele davon in Deutschland.

Ohne Quoten wären die Berghänge Georgiens leer gepflückt.

Das Pflanzengeschäft blüht, es wird sich laut Rabobank in den nächsten Jahren verdoppeln. Die EU schätzte den Gesamtwert der Einfuhren von Schneeglöckchen aus Georgien zuletzt auf knapp 36 Millionen Euro.

Seine Schneeglöckchen kommen aus Georgien, sagt Boot, weil die Nachfrage größer ist als das Angebot. Niederländische Züchter könnten ihm bei Weitem nicht die gewünschten Mengen liefern, außerdem: Es sei billiger, die Schneeglöckchen in großen Mengen aus dem Kaukasus zu beziehen.

Wenn die Zwiebeln die EU-Grenze passieren, werden ihre Ausfuhrpapiere und die Cites-Exporterlaubnis kontrolliert. Auch der niederländische Zoll inspiziert stichprobenartig. Boot findet den Papierkram zwar einerseits lästig: „Das ist ein Zeitfaktor. Und Zeit kostet Geld und geht dann auch zulasten der Qualität“, sagt er. Ohne Kontrollen sei das Geschäft früher einfacher gewesen, aber ohne Quoten wären die Berghänge Georgiens andererseits wohl inzwischen leer gepflückt.

Das Quotensystem habe der Plünderung der Berge ein Ende gemacht, bestätigt Teona Karchava, Cites-Beauftragte am Ministerium für Umweltschutz und Landwirtschaft in Tiflis. Das derzeitige Exportkontingent von 15 Millionen sei eher konservativ, die Populationen stabil. Dieser regulierte Handel sei der Garant für das Überleben der Art, sagt sie.

40 Prozent aller Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht.

Kritiker halten dagegen. „Die Lösung für Nachhaltigkeit ist nicht immer die Regulierung des Marktes“, sagt Anastasiya Timoshyna von Traffic, ein Netzwerk, das den Handel mit Wildtieren und -pflanzen überwacht. Ihrer Meinung nach sei Cites nicht geeignet, gefährdete Pflanzen zu schützen, oft hätten lokale Behörden nicht die Ressourcen für vernünftige Bestandsaufnahmen. Und schon wenige Wildentnahmen könnten das fragile Kaukasus-Ökosystem durcheinanderbringen.

Inzwischen sind 40 Prozent aller Pflanzenarten auf der Erde vom Aussterben bedroht, vor allem durch Zerstörung ihres Lebensraums, Umweltverschmutzung und Klimawandel, aber auch durch die Entnahme von Wildpflanzen. Etwa 60 000 Pflanzenarten – zwei Drittel davon wild geerntet – werden inzwischen zu medizinischen Zwecken oder als Inhaltsstoffe in Kosmetika, Lebensmitteln oder in der Aromatherapie verwendet, Tendenz steigend.

Karchava vom Ministerium gibt zu, dass die Bestandsaufnahmen schwierig sind. Bei drei Millionen Hektar Wald im Land sei es schwierig, sämtliche Schneeglöckchen zu zählen: „Wir haben nicht genug Stiefel auf dem Boden, um den ganzen Wald abzulaufen.“

Anders als in der Fabrik in Hillegom ist in Georgien alles Handarbeit. Am Stadtrand von Batumi, vor einer langgestreckten ehemaligen Hühnerzucht aus Sowjetzeiten, wird zur Arbeit gesungen. Männer schwenken die Knollen in Metallgittern hin und her, schütteln Erde ab, trennen die großen von den kleinen, wirbeln sie mit Hauruck auf einen Haufen. Drinnen brummt eine Reihe einfacher Ventilatoren, Schaufeln kratzen über den Betonboden.

Hochkonzentriert wenden vier Arbeiter Reihe um Reihe knöchelhoch aufgeschichteter Blumenzwiebeln, die einen Monat lang trocknen müssen, bevor sie fast 4000 Kilometer per Lkw vom Schwarzen Meer in die Niederlande reisen.

Natürlich wäre es toll, so moderne Sortiermaschinen wie in Hillegom zu haben, sagt Mamuli Surmanidze. Hoffentlich in der Zukunft. Er ist stolz darauf, als erster Georgier direkt mit den Niederländern zusammenzuarbeiten. Die anderen beiden Lizenzhalter für georgische Schneeglöckchen kommen aus der Türkei, er aber schafft lokale Arbeitsplätze in Batumi.

Fast 500 Familien in der Region pflücken für ihn, auch Maka Dolidze. Normalerweise dauert die Ernte zwei Monate, dieses Mal kam sie innerhalb weniger Wochen zusammen. „Das war wegen Covid-19, die Leute brauchten dringend Geld“, sagt Surmanidze. In Georgien lebt fast die Hälfte der Bevölkerung von weniger als 140 Euro im Monat. Letztes Jahr fiel das Geschäft ganz aus, darum zahlt er in diesem Jahr etwas mehr, sehr zum Verdruss der Konkurrenz.

Zum Frühstück traditionelles Brot, Honig, eine Karaffe Wein und blendende Laune, trotz strömenden Regens. Ilia Sirabidze stimmt noch ein Lied an und prostet seinen Kollegen zu. Dann kurven sie im Lieferwagen ins Gebirge Richtung Kvashta, Maka Dolidzes Dorf, wo sie heute bei sechs Familien die Ernte einsammeln. Botaniker Sirabidze ist dafür zuständig, für Großhändler Surmanidze die Qualität der Ernte zu kontrollieren. Er baut aber auch eigene Schneeglöckchen auf dem Acker seiner Eltern an.

Damit zeigt er den anderen Dorfbewohnern, dass sie mit den Pflanzen Geld verdienen können, ohne sie der Wildnis zu entreißen. Eine Alternative zur intensiven Wildernte.

Allerdings gelten auch hier Vorschriften, ein Drittel der gepflanzten Zwiebeln muss im Boden bleiben, um sich weiter zu vermehren. Denn das Grundmaterial kommt ja aus der Wildnis. „Beamte kontrollieren vor und nach der Ernte, ob sich alle daran gehalten haben“, sagt Sirabidze.

Inzwischen pflanzen Dutzende Familien in der Region Schneeglöckchen auf ihren Feldern an. Die kultivierten Galanthus-Zwiebeln brauchen auch Cites-Papiere, aber die Quotenregelung entfällt. Für Händler Surmanidze ein Zukunftsgeschäft: So kann er seiner Quote von fünf Millionen Wildpflanzen weitere sieben Millionen kultivierte Schneeglöckchen hinzufügen.

Maka Dolidzes Ernte wird gewogen und gleich bar bezahlt.

Für 14 große Säcke Blumenzwiebeln, fast eine halbe Tonne, erhält sie 690 georgische Lari, knapp 190 Euro. Das ist etwas mehr als ein halber Durchschnittslohn in Georgien. Einige Wochen harter Arbeit, nun ist sie erleichtert. Was Dolidze nicht weiß: Im Gartencenter in Europa wird diese Menge das 250-Fache wert sein.

Manchmal befürchtet Dolidze neue Gesetze, die das Ernten der Wildpflanzen verbieten. Sie lässt die kleinen Knollen im Boden, damit wieder neue wachsen, dennoch gebe es von Jahr zu Jahr weniger Pflanzen zu pflücken, sagt sie. Den Schneeglöckchen-Anbau auf ihrem Acker kann sie sich aber nicht vorstellen. Sie hat die Fläche schon verplant: Bohnen, Tabak, Mais. Außerdem: Warum so viel zusätzliche Arbeit? Die Blumen wachsen doch direkt auf dem Berg hinter dem Haus.

Die Reportage wurde durch den von Renovabis / Hoffnung für Osteuropa ausgeschriebenen Recherchepreis Osteuropa sowie den Fonds Bijzondere Journalistieke Projecten gefördert.